Jedes Unternehmen hat seine eigene Wahrheit. Das ist erstmal nicht schlecht – man braucht gemeinsame Narrative, Routinen, Bewertungsmaßstäbe. Problematisch wird es nur, wenn aus Wahrheit Gewohnheit wird – und aus Gewohnheit ein geschlossenes Weltbild.
George Orwell hat das in 1984 drastisch zugespitzt: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Was damals wie Dystopie wirkte, klingt heute manchmal erschreckend vertraut – nicht nur in der Politik, sondern auch im Unternehmensalltag.
Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway sprach 2017 von „alternativen Fakten“. Das war kein Versprecher, sondern Ausdruck einer gezielten Strategie: Realität wird, was im eigenen System funktioniert – auch gegen jeden Faktencheck. Zum Glück gibt es Medien, Wissenschaft und Öffentlichkeit, die das nicht belächeln, sondern konsequent einordnen und bekämpfen. Denn wenn Wahrheit nur noch eine Option unter vielen ist, ist kritisches Denken nicht mehr möglich.
Und in Unternehmen? Da läuft es oft subtiler ab:
- „Unsere Prozesse sind gesetzeskonform.“ (Weil man sie seit 20 Jahren nicht hinterfragt hat)
- „Unsere Kunden sind zufrieden.“ (Weil man sie nicht mehr fragt.)
- „Wir sind nachhaltig unterwegs.“ (Weil man zwei E-Autos in der Flotte hat.)
Ein paar Beispiele aus der Praxis:
Ein mittelständisches Produktionsunternehmen war stolz auf seine „hohe interne Qualitätsrate“. Was dabei unterging: fehlerhafte Teile wurden direkt beim Kunden aussortiert – und Rückmeldungen gingen nur an die Vertriebsleitung, nicht an die Produktion. Die interne Wahrheit: 99,8 % gut. Die operative Realität: deutlich darunter.
Ein Logistikdienstleister ignorierte über Jahre die Lenk- und Ruhezeitenverordnung – „Das machen wir schon immer so, da war nie was.“ Erst als das BAG (Bundesamt für Güterverkehr) direkt gegen das Unternehmen vorging, wurde man hellhörig.
Ein Konzern veröffentlichte stolz seinen Nachhaltigkeitsbericht – inklusive CO₂-Einsparungen durch ausgelagerte Prozesse. Die interne Bilanz war grün, die tatsächliche Belastung fand außerhalb des eigenen Radars statt.
Was machen Unternehmen anders, die nachhaltig erfolgreich sind?
- Sie lassen externe Sichtweisen zu – durch Beiräte, Audits, echten Kundendialog oder auch unbequeme Mitarbeitende
- Sie trennen Realität nicht von Kommunikation – und diskutieren auch unangenehme Daten offen
- Sie überprüfen regelmäßig ihre eigenen Wahrheiten: „Stimmt das eigentlich noch?“ ist dort kein Tabu, sondern Selbstverständnis
- Sie geben Irrtümern Raum – weil klar ist: Lernen geht nur über Irritation
Fazit
Nicht jede interne Wahrheit ist falsch – aber sie ist selten vollständig. Die besten Unternehmen schaffen es, ihr eigenes Weltbild regelmäßig aufzubrechen, bevor es die Realität tut. Denn Wahrheit ist nicht, was sich gut verkauft – sondern was auch dann noch trägt, wenn jemand nachfragt.