Die DAkkS ist keine private Servicefirma
Juristisch ist die Sache klar geregelt: Die DAkkS ist keine private Servicefirma, sondern handelt hoheitlich. Akkreditierung gilt in Europa als staatliche Aufgabe. Das bedeutet Verwaltungsrecht, Gebührenverordnung, formale Verfahren, Aktenlogik. In der Praxis fühlt sich das für Unternehmen aber nicht nach neutraler Qualitätssicherung an, sondern nach einer Behörde alter Schule. Wer einmal erlebt hat, dass sich Verfahren über Monate oder Jahre ziehen, Nachforderungen häppchenweise kommen und Auslegungen strenger sind als im europäischen Ausland, versteht, warum im Positionspapier von einem „limitierenden Faktor“ gesprochen wird.
Das juristische Problem dahinter ist kein Geheimnis. Die DAkkS bewegt sich stark im klassischen Behördenverständnis: Kontrolle vor Dienstleistung, Absicherung vor Pragmatismus, formale Korrektheit vor Geschwindigkeit. Ein Beispiel aus dem Alltag: Während andere europäische Akkreditierungsstellen internationale Normen pragmatisch und einheitlich auslegen, entstehen in Deutschland zusätzliche nationale Anforderungen. Im Positionspapier wird das offen benannt – sogenanntes „Gold Plating“. Für Unternehmen heißt das: mehr Dokumentation, mehr Nachweise, mehr Kosten. Und am Ende oft die Frage, warum ein deutsches Labor länger und teurer akkreditiert wird als ein vergleichbares in den Niederlanden oder Skandinavien.
Aufdeckend wird es dort, wo das Papier den Finger genau in diese Wunde legt. Die Verbände sagen sinngemäß: Akkreditierung ist wichtig, aber sie darf nicht zum Selbstzweck werden. Die DAkkS soll nicht nur kontrollieren, sondern ermöglichen. Nicht blockieren, sondern begleiten. Nicht mit erhobenem Zeigefinger auftreten, sondern mit klarem Servicegedanken. Das klingt banal, wäre aber ein echter Kulturwandel.
Die Lösung: Neues Selbstverständnis der DAkkS?
Wie könnte das besser aussehen? Das Positionspapier spricht von einem Dienstleisterprinzip. Juristisch bleibt die Akkreditierung hoheitlich, praktisch aber wird sie als moderne Verwaltungsdienstleistung verstanden. Klare Ansprechpartner, transparente Verfahren, realistische Zeitpläne, digitale Prozesse statt Papierflut. Ein Akkreditierungsverfahren, bei dem Sie früh wissen, woran Sie sind, statt sich durch monatelange Unsicherheit zu hangeln. Und vor allem eine Auslegung von Normen, die sich an Europa orientiert und nicht an nationaler Übererfüllung.
Besonders deutlich wird das beim Thema Kosten. Heute steigen Gebühren häufig, ohne dass Verfahren schneller oder einfacher werden. Das Positionspapier fordert stattdessen gedeckelte, nachvollziehbare Gebühren, gekoppelt an den tatsächlichen Bearbeitungsfortschritt. Übersetzt ins echte Leben heißt das: Wer effizient arbeitet, wird nicht bestraft, sondern profitiert. Und kleine und mittlere Prüf- und Zertifizierungsstellen werden nicht aus dem Markt gedrängt, nur weil sie sich die Akkreditierung irgendwann nicht mehr leisten können.
Der eigentliche Weckruf des Papiers liegt aber in seinem düsteren Zukunftsbild. Hier redet die Wirtschaft nicht um den heißen Brei. Sie sagt offen: Wenn Akkreditierung so weiterläuft, verliert Deutschland an Attraktivität. Prüfstellen gehen ins Ausland, Unternehmen lassen dort zertifizieren, Innovation wandert ab. Am Ende bleibt zwar ein formal perfektes System – aber ohne Nutzer.
Die Botschaft ist deshalb erstaunlich einfach und zugleich politisch brisant: Akkreditierung muss weiterhin unabhängig und hoheitlich bleiben, aber sie braucht ein neues Selbstverständnis. Weniger Amtsstube, mehr Dienstleister. Weniger Sonderweg, mehr Europa. Weniger Bürokratie, mehr Tempo. Das Positionspapier ist damit weniger eine trockene Stellungnahme, sondern eher ein Weckruf. Oder, um es ganz unjuristisch zu sagen: Qualitätssicherung darf kein Hindernislauf sein – sie sollte eine gut ausgebaute Schnellstraße sein.
Genau an diesem Punkt berührt das Positionspapier ein Thema, das weit über Akkreditierung hinausgeht – und mitten in den Alltag von Unternehmen und Managementsystemen führt. Denn das, was hier der DAkkS vorgeworfen wird, kennen viele Organisationen aus einem ganz anderen Bereich nur zu gut: aus dem eigenen Rechtskataster.
Und Rechtskataster? Formell juristisches Werkzeug oder im Dienst der Praxis?
Auch Rechtskataster sind juristisch eindeutig verortet. Sie dienen der formellen Rechtssicherheit, der Nachweisfähigkeit gegenüber Behörden, Auditoren und Gerichten. Richtig eingesetzt sind sie ein starkes Instrument. Falsch verstanden werden sie zur digitalen Aktenablage mit Warnschild: „Bitte prüfen… irgendwann.“ Und genau dann passiert dasselbe wie bei der Akkreditierungspraxis, die das Positionspapier kritisiert: Die Nutzer wenden sich ab.
Bei eco COMPLIANCE erleben wir diesen Effekt regelmäßig in der Praxis. Unternehmen kommen mit dem Anspruch zur Erstellung von perfekt gepflegten Rechtskatastern, hunderten Vorschriften, sauber versioniert, formal und juristisch vollständig auf uns zu. Und wenn wir fragen: Wer soll das aktiv nutzten? Wer beurteilt, was daraus konkret zu tun ist? Wer trifft Entscheidungen auf dieser Basis? Lautet die ehrliche Antwort oft: das wissen wir noch nicht.
Das Muster ist identisch zur DAkkS-Kritik. Wenn Rechtskataster primär juristisch-formell geführt werden, entsteht Kontrolle vor Nutzen, Absicherung vor Prävention, Vollständigkeit vor Handlungsfähigkeit. Vorschriften werden gesammelt, nicht übersetzt. Pflichten werden dokumentiert, aber nicht operationalisiert. Die Logik ähnelt der klassischen Behördenlogik: rechtlich sauber, praktisch schwerfällig.
Das Positionspapier zur Akkreditierung formuliert dafür ein starkes Gegenmodell – das Dienstleisterprinzip. Und genau dieses Prinzip lässt sich eins zu eins auf Rechtskataster übertragen. Juristisch bleibt alles korrekt. Aber praktisch wird das System so aufgebaut, dass es Entscheidungen unterstützt, Risiken früh sichtbar macht und Handeln ermöglicht. Nicht als juristisches Endprodukt, sondern als Startpunkt für Prävention.
Übertragen auf den Alltag heißt das: Ein Rechtskataster muss nicht zeigen, dass es eine Vorschrift gibt. Das weiß jeder Auditor. Es muss zeigen, ob sie relevant ist, für wen, warum und was konkret zu tun ist. Es muss Tempo ermöglichen statt bremsen. Orientierung geben statt Verunsicherung erzeugen. Und es muss akzeptieren, dass Unternehmen keine Ministerien sind, sondern produzieren, verarbeiten, transportieren und verkaufen.
Das Positionspapier warnt davor, dass ein formal perfektes System ohne Nutzer wertlos wird. Genau das ist auch die größte Gefahr für Rechtskataster. Wenn sie nur noch als Pflichtübung für Audits wahrgenommen werden, verlieren sie ihre präventive Kraft. Dann werden sie gepflegt, aber nicht gelebt. Dokumentiert, aber nicht genutzt. Und irgendwann hinterfragt niemand mehr ihren Sinn – man erträgt sie einfach.
Die Parallele zur DAkkS ist deshalb unbequem, aber lehrreich. Qualitätssicherung, egal ob durch Akkreditierung oder durch Rechtskataster, funktioniert nur dann, wenn sie als Enabler verstanden wird. Als etwas, das Wirtschaft ermöglicht, nicht lähmt. Sicherheit schafft, ohne Innovation auszubremsen. Transparenz bietet, ohne Bürokratie zu vervielfachen.
Oder anders gesagt: Ein Rechtskataster, das nur juristisch korrekt ist, ist wie eine Akkreditierung, die nur verwaltet. Beides mag rechtlich sauber sein. Beides verliert aber seine Nutzer. Und beides verfehlt am Ende genau das Ziel, für das es eigentlich gedacht war.
Das Positionspapier
Das Positionspapier „Positionspapier zur DAkkS und Akkreditierungspraxis in Deutschland“ vom 24. Juni 2025 wurde gemeinsam von einem breiten Bündnis aus Wirtschafts-, Handels-, Agrar- sowie Prüf- und Laborverbänden veröffentlicht. Zu den Unterstützern gehören u. a. der Deutsche Verband Unabhängiger Prüflaboratorien (VUP), Bundesverband Medizintechnologie (BVMed), Handelsverband Deutschland (HDE), Lebensmittelverband Deutschland und viele weitere Branchenverbände, die ein gemeinsames Interesse an einer reformierten und praxisorientierten Akkreditierungspraxis sehen.
Das Papier richtet sich an Politik, Behörden und Öffentlichkeit mit dem Ziel, strukturelle Defizite im deutschen Akkreditierungssystem offen zu benennen und konkrete Reformschritte einzufordern. Es plädiert dafür, die bisher stark formaljuristisch geprägte Praxis der DAkkS hin zu einer dienstleistungsorientierten, effizienten und wirtschaftsfreundlichen Akkreditierungsagentur weiterzuentwickeln.
Kurz nach Veröffentlichung hat die DAkkS selbst eine Gegendarstellung veröffentlicht, in der sie die Kritik in Teilen zurückweist und ihre Position verteidigt: Sie weist darauf hin, dass Deutschland eines der größten und erfolgreichsten Akkreditierungssysteme Europas mit über 6.000 akkreditierten Stellen habe und die Verfahren gesetzlich sowie durch europäische Peer-Evaluierungen abgesichert seien.
Wie geht es weiter?
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Das Positionspapier hat eine öffentliche Debatte über Reformbedarf im deutschen Akkreditierungssystem ausgelöst.
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Verbände und Interessenvertretungen werden weiterhin Druck auf Politik und zuständige Ministerien ausüben, gesetzliche Rahmenbedingungen zu überarbeiten – z. B. durch Anpassungen im Akkreditierungsstellengesetz oder Bürokratie-Checks zur Verfahrenserleichterung.
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Parallel bringen auch andere Verbände wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) Reformvorschläge ein, etwa zur Finanzierung, Digitalisierung und Transparenz der Akkreditierungspraxis, was die Diskussion weiter befeuert.
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In der politischen Umsetzung könnte es zu gesetzlichen Nachjustierungen, strukturellen Anpassungen der DAkkS-Abläufe und verstärktem Dialog zwischen Staat und Wirtschaft kommen – etwa durch Stakeholder-Prozesse, Beiratsstärkung oder digitale Verfahren.
In der Rückschau hat das Papier also nicht nur Kritik formuliert, sondern einen laufenden Diskurs angestoßen, der über reine Verbändepositionen hinaus auch von anderen Wirtschaftsakteuren aufgenommen wird und mittelfristig zu konkreten Reformschritten im Akkreditierungswesen führen könnte.